(Wie) Kann Kunst zum Frieden beitragen? – Interview

Peace Mag.art Katharina Teresidi

Peace Mag.art Katharina Teresidi

Wie definieren Sie Frieden?

Alles Lebendige hat Bedürfnisse, deren Befriedigung gleichsam früher oder später zum Konflikt mit der
Außenwelt führt.

Die Idee eines Echten Friedens wäre denkbar, nachdem die lebensnotwendigen Bedürfnisse gestillt und
ein Gleichgewicht zwischen den Existenzen hergestellt wurden. Daher ist Friede kein natürlicher Zustand
– er erfordert wirtschaftliche und soziale Anstrengung, ebenso wie entsprechende Bewusstseinsbildung.
Friede ist möglich durch Bildung und die Bereitschaft an sich selbst zu arbeiten und noch sehr viel mehr:
die Bereitschaft (und auch die Fähigkeit) mitzufühlen, das eigene Streben nach Erfolg, Macht, das eigene
Ego und die Gier zurückzunehmen zum Wohle der Allgemeinheit. In der heutigen
Gesellschaftskonstellation erscheint mir dies unrealistisch.

Unechter Friede kann im Ungleichgewicht bestehen – aufrecht gehalten durch den Einsatz von Gewalt,
wie wir global betrachtet zwischen den verschiedenen Wirtschaftszonen und Ländern der Welt
erkennen können. Die Frage ist: wie stabil, wie langfristig und wie nachhaltig kann solch ein Friede sein?
Er ist stets begrenzt, nicht allumfassend, nicht perfekt, entfernt vom Ideal und exklusiv. Wird ein
regionaler Friede, der im Zwang durchgesetzt wird, seinem Namen gerecht? Die Toleranzgrenzen der
ausgegrenzten, friedlosen Existenzen bestimmen ebenfalls über die Lebensdauer eines solchen
„kosmetischen Friedens“.

Von solchen Überlegungen geleitet, habe ich zum Thema PEACE ein lebensentleertes Motiv gewählt, wo
nichts mehr existiert, das miteinander in Konflikt geraten könnte. Mir stellt sich hier allerdings die Frage,
wie sich dann der Friede vom Tod unterscheidet?
In Folge des Unterschieds dieser zwei Begriffe beginne ich zu vermuten, dass Friede wohl doch nur
zwischen lebendigen Wesen existieren kann und ein stets dynamischer, flexibler, belasteter und nicht
beständiger Prozess sein kann.

Gebirgskette Katharina Teresidi 185 x 135 cm, Mischtechnik, Acryl auf Leinwand

Gebirgskette Katharina Teresidi 185 x 135 cm, Mischtechnik, Acryl auf Leinwand

Können Sie etwas für den Frieden beitragen? Was genau? (Als Künstler, mit Ihrer Kunst)

So wie man sehend sein sollte, um einen Blinden zu führen, sollte man als Mensch bestrebt sein, den
inneren Frieden zu finden, um Mitmenschen vorzuleben, wie dieser Zustand erreicht werden kann. Das
impliziert aktive Konfrontation mit den eigenen Schwächen, lösen von Konflikten, er-lösen des Selbst
von diversen Traumata, in kürze: Seelenhygiene. Ich glaube, Kunst kann einen großen Teil dazu
beitragen, die unbewussten psychischen Vorgänge zu begreifen – dies ist die erste Phase.
Wenn man in sich gefestigt genug ist, kann man weiter gehen und sich die Entwicklungen in der
Gesellschaft ansehen und hinterfragen, inwiefern sie einem friedlichen Miteinander dienlich sind. Man
kann Zeitzeuge sein, Problemstellen aufzeigen; und am schwierigsten: gleich weiterdenken und alternative Lösungsvorschläge bieten. Solch ein Weg erscheint mir als Künstlerin erstrebenswert. Zurzeit
befinde ich mich jedoch noch in der ersten Phase.

Ist es generell möglich, Ihrer Meinung nach, dass man mit Kunstausstellungen Frieden tatsächlich fördern kann? Welche Möglichkeiten/Grenzen sehen Sie?

Wenn man Kunst als Dialog begreift kann man sehr wohl im Aufgreifen eines konfliktbeladenen
Themengebietes an der Grenze zwischen den Parteien eine offene Diskussion starten – vor allem, wenn
man die Menschen vorurteilsfrei zu Wort kommen lässt, was jedoch eine Bereitschaft
entgegengesetzten Standpunkten Gehör zu verschaffen voraussetzt. Interaktive und auch politisch- und
sozialkritische Kunstausstellungen mit so vielen entgegengesetzten Positionen wie nur möglich,
erscheinen mir einer lebendigen Diskussionskultur sehr förderlich! Dazu ist jedoch auch eine
ausgeglichene, faire mediale Berichterstattung vonnöten.

Die Grenze beginnt meiner Ansicht nach dort, wo man sich aus politischen oder sozialen
Konformitätszwängen heraus nicht mehr traut, die eigene Meinung zu äußern. Als zweites Kredo sollte
man die Menschen zum Fragen stellen aller Art animieren – ungeachtet des Bildungsstandes, ungeachtet
ihrer Herkunft.

Außerdem ist Frieden möglich durch das aufgreifen friedlicher Themen, wie z.B. Natur. In der kürzlich
(am 31.08.2018) stattgefundenen Ausstellung zum Anlass 150 Jahre Adalbert Stifter, in der Stifter Villa in
Kirchschlag bei Linz, wo auch meine Arbeiten präsent waren, herrschte eine ausgesprochen friedfertige
Stimmung, denn die Menschen wurden durch lebensbejahende, farbenfrohe Werke an ihre
ursprüngliche Verbindung zur Natur und an Entschleunigung des Lebens erinnert – meiner Meinung nach
etwas, das in unserer Zeit stärker gefördert werden sollte – eine Besinnung auf die tatsächlich relevanten
Dinge des Lebens; weniger Plastik, Kosmetik, Verkleidung und Protz.

Wer ist für Friedensengagement und für Frieden zuständig/verantwortlich? Wer, wenn nicht der
Künstler?

Jeder einzelne Mensch ist für Frieden zuständig – es geht uns alle etwas an, denn wir leben schließlich
miteinander. Der Künstler kann gehört werden, aber auch überhört, gar nicht gesehen und
missverstanden werden. Jeder Mensch sollte daran arbeiten, zuerst sein eigenes Inneres, sein Leben,
das Leben seiner Nachbarn und in immer weiter reichenden Kreisen das Leben der Gesellschaft nach
bestem Wissen und Gewissen zum Positiven zu wenden. Wie bereits erwähnt, erfordert es meiner
Meinung nach die Bereitschaft des bewussten Wachsens, der Konfrontation mit eigenen Schwächen und
Problemen, des Lernens und Arbeitens an sich selbst mit dem hochgesteckten Ziele, ein besserer
Mensch zu werden. Künstler, sowie Pädagogen können dazu beitragen, diese Geisteshaltung in der
Gesellschaft zu mehren.

Haben Sie sich vor dem Projekt mit Frieden auseinandergesetzt?

Ich versuche schon seit längerem durch Beobachten, Zuhören und Lernen von mir nahe stehenden
Menschen und für mich anziehenden Persönlichkeiten wie bsp. Carl Gustav Jung, Liä Dsi, Platon,
Nietzsche,… die Grundstrukturen des menschlichen Lebens zu verstehen. Meine
aktuelle Serie „Innerer Wandlungsprozess“ ist die Suche nach inneren Beweggründen; die Naturmotive
fördern innere Ausgeglichenheit und Frieden.

Davor, während der Vorbereitung für meine Diplomarbeit, habe ich viel über das Geschehen im Nahen
Osten recherchiert – ich habe versucht die Hintergründe der Flüchtlingsbewegung nach Europa zu
erfassen, woraus die Serie „Reise ins Ungewisse“ entstand. Was als nächstes kommt vermag ich derzeit noch nicht zu definieren, doch wie es scheint, stimmt die Richtung Frieden.

Nehmen Sie an den weltlichen Problemen (Gesellschaft, Politik, Welt) Teil und bearbeiten Sie diese
mit Ihrer Kunst, oder geben Sie die Möglichkeit mit der Kunst den Menschen einen Ruheort abseits von diesen Problemen zu geben?

Sowohl als auch. Während meiner Studienzeit habe ich mich sehr für das sozialpolitische Geschehen
interessiert, habe viele Werke zum Ukrainekonflikt geschaffen, zum Nahen Osten; nach meinem
Abschluss habe ich bemerkt, dass es Aspekte in meinem Inneren gibt, die aufgearbeitet werden müssen,
bevor ich mich wieder der Außenwelt zuwenden kann. Es ist eine ständige Entwicklung.
Spätestens seit den Wahlen schaut die ganze Welt auf die Vorgänge in der amerikanischen Gesellschaft;
auch in Europa wandelt sich die Situation rasant – die gesellschaftliche Zusammensetzung ändert sich, es
können zunehmend weniger Bedürfnisse befriedigt werden – die Aufrechterhaltung des Unechten
Friedens wird zunehmend zur Herausforderung.

Interview führte: Constanze Stumpacher, MOYA Project, Galerie Kolja Kramer Fine Arts, Wien, 01.09.2018

Zurück zur Hauptseite: https://www.teresidi.at

Über admin

Mag.art Katerina Teresidi, geboren in Georgien, aufgewachsen auf einer langjährigen Reise über Russland, Griechenland und der Schweiz bis zur Ankunft in Österreich, Vorarlberg 1999. Matura am Realgymnasium Feldkirch-Levis, Absolventin der Kunstuniversität Linz im Bereich Malerei und Grafik 2015. Lebt und arbeitet seit 2018 von Wien aus als freishaffende Künstlerin. Zahlreiche Beteiligungen an österreichischen und internationalen Ausstellungen und Projekten.

Ein Kommentar

  1. Liebe Katarina, Du hast wunderschön und klug gesprochen in Deinem Interview!..obwohl diese Friedensproblematik in den Händen von Politikern liegt, die leider interessieren sich gar nichts für Kunst ☹… Dalia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.