Serie 2019: Natural Technology

Einleitung und Vorstellung der Arbeiten

Seit April 2019 arbeite ich immer wiederkehrend an der Serie „Natural Technology“, welche den Aufbau der materiellen Welt als Ausgangsquelle untersucht und sich bemüht, diese durch künstlerische Neuinterpretation um die Visualisierung der unsichtbaren Gesetze zu erweitern, dessen Muster die Materie folgt.

Dabei werden Studien innerer Organe vor akkuraten Wachsmodellen angefertigt, zusammen mit Konochen- und Muskelstudien; medizinische Geräte werden neu komponiert; tierische und pfanzliche Formensprache  untersucht und Arbeiten alter Meister neu interpretiert. Auch Umweltbelastungen werden immer wieder thematisiert, da sie einen nicht unerheblichen Einfluss auf Abläufe in der Natur ausüben.

Die Serie „Natural Technology“ beinhaltet als eine kleine eigene Gruppe die Gemälde „Cyborgs“, welche ich insbesondere für die Ausstellung im Rahmen der XII Biennale Florenz 2019 angefertigt habe.

Serie „Natural Technology“

Serie „Natural Technology – Cyborgs“

Thema

Inspiriert von Leonardo da Vincis Studien der natürlichen und der daraus abgeleiteten technischen Formen und deren Gesetzmäßigkeiten wollte ich unter Anwendung derselben Methodik – der Beobachtung der Natur – den Aufbau und die Funktion des menschlichen Körpers näher kennen lernen.

Im Laufe meiner anatomischen Studien vor lebensgetreuen Wachsmodellen im Josephinum Wien vertiefte sich mein Verständnis für den menschlichen Organismus als Produkt der natürlichen Entwicklung und Anpassung und seiner Verwandtschaft mit allem Lebendigen auf unserem Planeten.
Gleichzeitig erwachte die Fragestellung nach der Unterscheidung des Menschen zwischen allen anderen Formen des Lebens und der Besonderheit seiner Eigenschaften als selbstbewusst denkendes, erfahrendes, erinnerndes und schöpferisches Wesen.

Daraus resultierte die Konzentration auf die Ebene der Abstraktion, der Ideen und des Bewusstseins, welche den Menschen im Besonderen auszeichnet; sowie die malerische Suche nach dem energetischen Kern, welcher dem Menschen und insbesondere allem Lebendigen zugrunde liegt.

Wie Heraklit bereits lehrte, kann man nie zweimal in denselben Fluss steigen, alles Lebendige befindet sich im Werden und Vergehen, dies impliziert eine ständige Bewegung, andauerndes Atmen, Fließen bis die Energie sich verbraucht, die alte Form verlässt und sich zu neuen Formen wandelt.
Die Energiebahnen sind bei genauer Beobachtung lebendiger Körper mit geschultem Auge erkennbar: beim Menschen haben bereits chinesische Meister des Altertums die Meridiane und die feinen energetischen Flüsse des Körpers zu behandeln gewusst.
In der Natur erkennt man immer wiederkehrende Formen: Sterne, Spiralen, Ellipsen, perfekt ausgerichtete, unendlich formvariable Mandalas der Schneeflocken, Mandalas treten auch bei der Sichtbarmachung des Tons auf, Fraktale, kristalline Gebilde, welche die Natur scheinbar mühelos zu bilden vermag. Die Kunstschaffenden oder Wissenschaftler jedoch, wollen sie diese Gebilde nachvollziehen, so müssen sie sie mühevoll entschlüsseln. Die Natur hingegen kann nicht anders, sie bedient sich der Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie gebaut ist – diese scheinen komplex und doch systematisch erfassbar zu sein, oder Platons Überzeugung folgend – mathematisch berechenbar.
Ähnlich den Alchemisten vergangener Zeiten, die stets auf der Suche nach dem heiligen Gral waren – der Formel, welche die Naturgesetze zu subsumieren vermag, sie alle zusammen zu führen – das Siegel, welches die Gesetzmäßigkeiten aller Dinge in sich birgt, verspürte auch ich bei meinen Naturstudien die Inspiration, die Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur, dem Bewusstsein und der Technik, soweit es mir möglich ist, malerisch darzustellen.

Leonardo Da Vinci hat, der antiken Tradition folgend, die Aufmerksamkeit der Welt wieder auf die Proportionslehre gelenkt, vor ihm hat Platon die mathematische Komponente der Natur in seinen platonischen Körpern bemerkt. Einem ähnlichen Gedanken folgend möchte ich auf eine intuitive Art und Weise in meinen Gemälden die Aufmerksamkeit des Betrachters auf eine Ebene lenken, die aus der bloßen Betrachtung der alltäglichen materiellen Formen herausragt und eine Brücke bildet zu einer Betrachtungsweise der Zusammenhänge alles Lebendigen, inklusive unseres Planeten im Verständnis als Organismus.

Angelehnt an Carl Gustav Jungs Vorstellungen könnte man einige Gemälde der Serie als archetypisch bezeichnen. Sie stellen bestimmte Stadien des Erkennens dar und haben mehrere Bedeutungs- und Interpretationsebenen. Im Nachfolgenden findet der Leser Ansätze zu möglichen Gedankengängen in Anbetracht der Gemälde, ist jedoch selbst aufgefordert seine eigenen Erklärungen zu finden.

Gemälde „Life Touch“, „Peak Oil“ und „Spinnenlillien“

life touch Katharina Teresidi

„Life Touch“, Acryl und Farbstift auf Leinwand, 120 x 90 cm, 2019

Erinnernd an Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“, im Hinterkopf jedoch Leonardo Da Vincis „Johannes der Täufer“ behaltend, welcher auf das Unsichtbare, Unassprechliche zeigend nach Oben in ungewisse Höhen verweist, entstand das Gemälde „Life Touch“, welches an die Vergänglichkeit der materiellen Welt erinnert und daran, dass das Leben konkreten Gesetzmäßigkeiten unterworfen zu sein scheint, welche durch die spiralförmige Struktur der goldenen Sonnenblume auf der lichten Seite des Gemäldes versinnbildlicht werden.

life touch detail1 Katharina Teresidi

„Life Touch“, Detail

Studien im Josephinum Wien

Das Josephinum wurde von Kaiser Joseph II als medizinisch-chirurgische Militärakademie gegründet und 1785 nach Plänen von Isidor Canevale fertiggestellt. Es ist das bedeutendste Beispiel klassizistischer Architektur in Wien und ein wichtiges Zeugnis der Aufklärung in Österreich. In Zusammenhang mit der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses und der Errichtung des „Narrenturmes“ entstanden innerhalb eines Jahrzehnts umfassende medizinische und wissenschaftliche Einrichtungen, die gleichzeitig wesentliche städtebauliche Elemente bilden, die die Stadt Wien bis heute prägen.
Das Josephinum beherbergt die weltberühmte, aus ca. 1.200 Präparaten bestehende Wachsmodellsammlung, die Joseph II in Florenz für die neu gegründete Akademie in Auftrag gab, die Josephinische Bibliothek mit medizinischen Schriften und Publikationen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, sowie zahlreiche weitere Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, die die Geschichte der Medizin und den großen Beitrag der Wiener Schule der Medizin dokumentieren.
Das Josephinum ist das historische Eingangstor zur Medizinischen Universität Wien und ist auch heute ein wichtiger Ort für Austausch, Lehre und Forschung.

Quelle: http://www.josephinum.ac.at/josephinum/

Während meines Studiums vor Wachsmodellen im Josephinum fiel mir auf, dass jede Verwinkelung, jede Krümmung, Verdickung und jede Biegung der Knochen, jede einzelne Sehne ihre eigenen Funktionen erfüllen, kein Teil ist überflüssig, alles ist bis ins kleinste Detail perfekt zueinander aufgebaut um die bestmögliche Funktionalität zu gewährleisten.
Wenn man unsere Erde als lebendiges und funktionierendes Ökosystem betrachtet, welches Leben hervorbringt, sich bewegt und stets wandelt, verschiedenste physikalische und chemische Prozesse durchläuft, liegt es nahe, den Planeten an sich als lebendigen Organismus anzusehen.

Wenn also nichts in der Natur überflüssig ist, wenn Abhängigkeiten bestehen, bei welchen auch nur die geringste Abweichung von der Norm eine Kettenreaktion von Prozessen in Gang setzen kann, welche ganze Ökosysteme verändern, so erscheint der Gedanke des Bohrens nach Erdöl und des nachfolgenden Hineinpumpens von Chemikalien unter die Erdoberfläche, sowie das anschließende Hinausblasen der verbrannten Chemikalien in die Atmosphäre als absurd, wenn man bedenkt, dass die Menschheit noch immer recht wenig über die Funktion der Erdölfelder weiß, welche im Großen und Ganzen lediglich als Ablagerungen aus Verwesungsprozessen betrachtet werden.
Diesen Gedanken nahm ich als Anlass, das Gemälde „Peak Oil“ anzufertigen, welches die Abhängigkeit der Technik von der natürlichen Ressource thematisiert, wo das Öl als Blut der Erde das Herz unserer Zivilisation zum Schlagen bringt.

peak oil Katharina Teresidi

„Peak Oil“, Acryl auf Leinwand, 90 x 120 cm, 2019


peak oil detail2 Katharina Teresidi

„Peak Oil“, Detail

Lycoris radiata ist die Rote Spinnenlilie.
Sie stammt ursprünglich aus China und bevölkerte in frühen
Jahren Japan und den Rest Asiens. In der
Japanischen und Chinesischen Kultur hat diese Blume spezielle
Bedeutungen.

Die rote Spinnenlilie wird auch „Blume des anderen Ufers“ bzw.
Blume des Paradieses“ genannt. In Japan ist sie auch als
Tagundnachtgleiche-Blume bezeichnet, wobei sie dabei den
beiläufigen Namen „Blume der Toten“ bekam.

In der Chinesischen Kultur blüht sie 3 Tage vor und 3 Tage nach
der Tagundnachtgleiche, auch „anderes Ufer“ genannt.

Man sagt in der Unterwelt gäbe es einen Fluss, den vergessenen
Fluss, ähnlich des Flusses Styx aus der griechischen Mythologie.
Wenn die Toten den Fluss überqueren um auf die andere Seite
zu kommen, dann verlieren sie all ihre Erinnerungen an ihr
vergangenes Leben. Am Ufer wachsen die roten Spinnenlilien.
Die Legende besagt, das ihr Duft all die schönen Erinnerungen
des Lebens ein letztes Mal zurück bringt, bevor die Toten
auf der anderen Seite für immer verschwinden.

Quelle: https://www.akaichou.de/thread.php?postid=46212

red spider lillies, Rote Spinnenlillien Katharina Teresidi

„Rote Spinnenlilien“, Acryl auf Leinwand, 120 x 90 cm, 2019


red spider lilies, Rote Spinnenlillien Detail

„Red Spider Lilies“, Detail


detail red spider lilies, Rote Spinnenlillien, Katharina Teresidi

„Red Spider Lilies“, Detail

Herzen

Die Serie der Herzen entstand im Zuge der Zuwendung meiner Aufmerksamkeit auf die wichtigsten inneren Organe des menschlichen Körpers. Das Gemälde „aus den Tiefen2“ wurde im Zuge der Neueröffnung der „Galerie Daliko“ Ende Mai 2019 in Krems ausgestellt. Vom 18-27 Oktober 2019 war es auf der XII Biennale Florenz ausgestellt.

from the depth2, Katharina Teresidi, Aus den Tiefen2

„Aus der Tiefe2“, Acryl auf Leinwand, 50 x 50 cm


from the depth2 deail Katharina Teresidi, Aus den Tiefen2

„Aus den Tiefe2“, Detail


heart1 Katharina Teresidi

„Herz1“, Acryl auf Leinwand, 50 c 50 cm, 2019


heart1_detail Katharina Teresidi

„Herz1“ Detail


heart3 - instrument Katharina Teresidi

„Herz3 – Instrument“, Acryl auf Leinwand, 50 x 50 cm, 2019


heart3 - instrument detail

„Herz3 – Instrument“ Detail

Vorskizzen und Studien zu den Gemälden, Details

Mind_TeresidiDetail Gemälde „Abstraktion“ 90 x 120 cm, Acryl und Rötelstift auf Leinwand, 2019

natural technology sketch1 Katharina Teresidi life touch

Skizze für das Gemälde „Life Touch“, Detail


natural technology sketch 2 sunflower Katharina Teresidi

Skizze einer Sonnenblume für das Gemälde „Life Touch“, Detail


sketch3 natural technology Katharina Teresidi life touch

Skizze für das Gemälde „Life Touch“, Detail


skeich5 Katharina Teresidi_life touch

Skizze für das Gemälde „Life Touch“, Detail


sketch6_red spider lilies_Katharina Teresidi

Suche nach der passenden Position eines leigenden Körpers für das Gemälde „Red Spider Lilies“


sketch8_main series_Katharina Teresidi

Experimente und Skizzen

sketch9_natural technology_Teresidi

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