Interview mit Walter Pobaschnig

„Kunst kann dabei helfen, näher zu sich selbst zu kommen“ Katerina Teresidi, Künstlerin_ Wien 1.3.2021

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Liebe Katerina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage sind trotz der Pandemie meist sehr vollgepackt mit wechselnden Aufgabenstellungen, da ich zurzeit an mehreren Tätigkeitsbereichen gleichzeitig arbeite und versuche, diese bestmöglich zu positiven Ergebnissen zu führen.

Neben meiner Teilzeitanstellung im Immobiliensektor helfe ich bei der Verwaltung des Nachlasses des Künstlers und Akademieprofessors Herwig Zens aus. Seine Arbeiten sind sehr inspirierend, insbesondere die zahlreichen architektonischen Radierungen seines Frühwerkes lehren mich sehr viel – selbst nach seinem Tod fühle ich mich geehrt, von ihm auf diese Art und Weise unterrichtet zu werden.

Ein weiteres Aktionsfeld nimmt das Schreiben über Kunst ein. Im Rahmen des Projektes Kunst zu Recht Wien – einer Ausstellung österreichischer und internationaler Kunstschaffenden im Justizzentrum Wien Mitte auf 23 Stockwerken sind über 100 Künstler und Künstlerinnen mit ihren Arbeiten vertreten. Beim Schreiben tauche ich ins Werk aller Kunstschaffenden ein und verfasse jeweils einen separaten Artikel über jede Position. Es ist fordernd, doch gleichzeitig eine enorme Inspirationsquelle – wiederum eine dankbare Arbeit, die mich vieles lehrt.

Da ich Malerin bin, darf die Kunst bei all diesen Beschäftigungen auch nicht zu kurz kommen: in der Pandemie hat sich mein Arbeitsschwerpunkt vorerst merkbar auf Portraits verschoben. Ich vermute, dass die Menschen durch das Zusammenrücken im familiären Kreis näher zueinander gefunden haben und deswegen ihr Glück mithilfe eines Ölbildes festhalten wollen.

Währenddessen drängen sich immer wieder meine eigenen Bildideen auf und ich versuche hinterher zu kommen, diese zu visualisieren. Wie ich immer wieder erkenne, muss ich meine Planung häufig über den Haufen werfen und lernen mit den gegebenen Umständen zu fließen.

Katerina Teresidi_Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist sehr schwer zu sagen, da jeder Mensch ein individuelles Leben hat und eine völlig unterschiedliche Sicht auf die gegebene Situation der Pandemie und des Lockdowns. Ich erkenne aber, dass es anscheinend kollektiv ein Zustand des Überganges ist, daher ist es wahrscheinlich hilfreich sich Gedanken darüber zu machen, welche Eigenschaften jetzt abgestoßen werden müssen und welche neuen Fähigkeiten und Kenntnisse entwickelt werden sollen, um für die Zukunft bestmöglich gerüstet zu sein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Hier kann ich wiederum nur Vermutungen anstellen. Ich beobachte, dass sich derzeit immer mehr Menschen zu politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Umwälzungen äußern und aufgrund widersprüchlicher Informationen die Tendenz aufweisen, sich zu radikalisieren. Kunstschaffende sind dabei wahrscheinlich keine Ausnahme. Dabei besteht die Gefahr, Kunst zu politisieren, mit dem Ziel, Ideologien zu mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftlichem Diskurs zu verhelfen. Ich glaube, dass hier besondere Achtung geboten ist, um Kunst auf diese Weise nicht zu missbrauchen.  

Ich glaube, dass die Beschäftigung mit Kunst, gerade in Zeiten der Einsamkeit dabei helfen kann, in erster Linie näher zu sich selbst zu kommen und das eigene Leben in Ordnung zu bringen.

Was liest Du derzeit?

Gerade fertiggelesen habe ich Carl Gustav Jung’s Aion und bin dabei Alexander Solschenizyn’s Archipel Gulag durchzulesen. Jungs Konstrukt vom Aufbau und der Funktionsweise der Psyche ist sehr inspirierend für mein künstlerisches Wirken.

Alexander Solschenizyn erinnert hingegen an die harte Realität der menschlichen Neigungen und Extreme – institutionalisierte Gewalt, Freiheitsberaubung und eine übergestülpte Ideologie zeigen die möglichen Abgründe menschlichen Verhaltens auf – die Gefahr von radikalisierten Positionen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Betreffend die Notwendigkeit zur Beschäftigung mit unbewussten Prozessen im Inneren, um die eigene Psyche und in Folge das eigene Leben ins Gleichgewicht zu bringen, wozu die Kunst einer der Wege sein kann:

„It is, in fact, one of the most important tasks of psychic hygiene to pay continual attention to the symptomatology of unconscious contents and processes, for the good reason that the conscious mind is always in danger of becoming one-sided, of keeping to well-worn paths and getting stuck in blind alleys. The complementary and compensating function of the unconscious ensures that these dangers, which are especially great in neurosis, can in some measure be avoided“

– Carl Gustav Jung, Psychiater, Begründer der analytischen Psychologie

Katerina Teresidi_Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Katerina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katerina Teresidi_Künstlerin

– Teresidi

Homepage: https://www.teresidi.at
Instagram: https://www.instagram.com/teresidiart/
Facebook: https://www.facebook.com/teresidi/
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/katerina-teresidi/

Fotos_Helmut Sagmeister

25.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Über admin

Mag.art Katerina Teresidi, geboren in Georgien, aufgewachsen auf einer langjährigen Reise über Russland, Griechenland und der Schweiz bis zur Ankunft in Österreich, Vorarlberg 1999. Matura am Realgymnasium Feldkirch-Levis, Absolventin der Kunstuniversität Linz im Bereich Malerei und Grafik 2015. Lebt und arbeitet seit 2018 von Wien aus als freishaffende Künstlerin. Zahlreiche Beteiligungen an österreichischen und internationalen Ausstellungen und Projekten.

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